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Naturwissenschaftliche Wettbewerbe sind für Mädchen weniger attraktiv als für Jungen – über Stereotype und Strukturen

Geschlechterstereotype sind nach wie vor weit verbreitet in unserer Gesellschaft und beeinflussen die Entscheidungen von Mädchen für oder gegen den MINT-Bereich. Wissenschaftler:innen haben in diesem Zusammenhang untersucht, wie sich Stereotype auf die Teilnahme von Mädchen an naturwissenschaftlichen Wettbewerben auswirken. Die Ergebnisse zeigen, dass unbewusste stereotype Vorstellungen damit zusammenhängen, dass sich weniger Mädchen an naturwissenschaftlichen Wettbewerben wie der Chemie-Olympiade durchsetzen. Wir haben uns eingelesen und geben Euch einen Einblick in die Hintergründe und die Implikationen des aktuellen Forschungsartikels „First steps toward gender equity in the chemistry Olympiad: Understanding the role of implicit gender science stereotypes“ (Steegh, Höffler, Höft & Parchmann, 2021).

Wissenschaftliche Wettbewerbe als Sprungbrett für die MINT-Karriere

Mathematik- und Wissenschaftsolympiaden sind für die Teilnehmenden oft ein Sprungbrett für die Zulassung zu Spitzenuniversitäten und für künftige Karrieren im MINT-Bereich. Beispielsweise zeigt eine Studie, dass über 50 % von 345 ehemaligen Wettbewerbsteilnehmenden in den USA später einen Doktortitel gemacht haben und viele danach auch weiterhin in der Wissenschaft tätig waren (Campbell & Walberg, 2011). Viele Wissenschaftsolympiaden werden deshalb auch mit staatlichen Mitteln unterstützt, weil sie ein wichtiges Mittel der Begabtenförderung sind. Allerdings besteht dadurch auch die Gefahr, dass Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern verstärkt werden.

Wenig Mädchen bei naturwissenschaftlichen Wettbewerben

Denn Mädchen und junge Frauen nehmen bislang selten an wissenschaftlichen Wettbewerben teil und sind darin auch weniger erfolgreich. Beispielsweise gelangen deutsche Schülerinnen, die an den nationalen Auswahlwettbewerben teilnehmen, nur selten in ein internationales Olympiade-Team. Im Jahr 2017 etwa waren 48 % der 1.282 Schüler:innen der ersten Auswahlrunde weiblich – nach jeder Auswahlrunde nahm der Anteil an Teilnehmerinnen jedoch stark ab, was dazu führte, dass im Team für die Internationale Chemie-Olympiade in Thailand schließlich nur männliche Teilnehmer vertreten waren. Insgesamt bestanden die deutschen Teams für die Chemie-Olympiade von 2008 bis 2016 aus nur 3 % Mädchen. Die Zahlen weisen ziemlich eindeutig darauf hin, dass es für Mädchen schwieriger ist, sich bis zur internationalen Wissenschaftsolympiade durchzusetzen.

Darüber hinaus schneiden Schülerinnen, die sich für ein internationales Team qualifiziert haben, schlechter ab als ihre männlichen Mitschüler: Die Medaillenverteilung der amerikanischen, deutschen, finnischen und lettischen Chemie-Olympiade-Teams von 2008 bis 2017 zeigt beispielsweise, dass 14 % der männlichen Teilnehmer eine Goldmedaille gewannen, während keine der weiblichen Teilnehmenden eine Goldmedaille errang; 26 % der Jungen dieser Teams erhielten eine Silbermedaille und 34 % eine Bronzemedaille, verglichen mit 1 % beziehungsweise 4 % der Mädchen.

Allerdings zeigt ein Blick in das MINT-Nachwuchsbarometer 2021 eine positive Entwicklung: Im Jahr 2020 nahmen in Deutschland mit 53 % erstmals mehr Mädchen als Jungen an naturwissenschaftlichen Olympiaden teil – männliche Teilnehmer gewinnen die Wettbewerbe jedoch nach wie vor häufiger (Köller & Steffensky, 2021).

Woran könnte das liegen?

Leider gibt es darauf keine einfache Antwort. Zwei Aspekte bieten jedoch wichtige Hinweise und verdeutlichen den Einfluss gesellschaftlich geprägter Geschlechterstereotype auf die Entwicklung von Jungen und Mädchen. Beispielsweise ist weiterhin die Ansicht weit verbreitet, dass die Naturwissenschaften eher eine Männerdomäne seien. Zudem gilt auch kompetitives Verhalten als eher männlicher Interaktionsstil. An der Schnittstelle von Naturwissenschaften und Wettbewerben liegen nun Wissenschaftsolympiaden. Viele Mädchen befinden sich in einer benachteiligten Position, wenn sie an einer Wissenschaftsolympiade teilnehmen, da sie gewissermaßen in einem typisch männlichen Umfeld einer typisch männlichen Aktivität nachgehen. Es überrascht also nicht, dass Schülerinnen in diesen Wettbewerben unterrepräsentiert sind und unterdurchschnittliche Leistungen erbringen. Dies ist insofern problematisch, als es das übergeordnete Ziel von Wissenschaftsolympiaden ist, interessierte und talentierte Schüler:innen zu identifizieren und zu fördern. Darüber hinaus kann die Teilnahme an wissenschaftlichen Wettbewerben eng verknüpft mit der späteren Entscheidung für ein MINT-Fach sein.

Wenig attraktive Strukturen für Mädchen

Verschiedene Studien beschreiben die Struktur der Olympiaden selbst als besonders attraktiv für Jungen und weniger attraktiv für Mädchen, zum Beispiel die Art und den Inhalt der Prüfungsaufgaben, den allgemeinen Kommunikationsstil und die Programme für soziale Aktivitäten, die den Wettbewerb begleiten. Auch Interviews mit amerikanischen, deutschen und koreanischen Olympiateilnehmenden zeigten, dass Mädchen eher kooperative Aufgabenstellungen bevorzugen, was dazu führt, dass viele Mädchen es unattraktiv finden, als Einzelkämpferin an einer wissenschaftlichen Olympiade teilzunehmen.

Darüber hinaus merkten Teilnehmende an, dass die geringe Beteiligung von Mädchen und jungen Frauen möglicherweise mit der geschlechtsspezifischen Auswahl der Schülerinnen und Schüler durch die Lehrkräfte zusammenhängt, mit mangelnder Unterstützung durch Eltern, Lehrkräfte und Gleichaltrige sowie mit einem Mangel an weiblichen Vorbildern in der Wissenschaft. Dies zeigt, dass für die Teilnahme an Wissenschaftsolympiaden auch ein positives und unterstützendes soziales Umfeld von Bedeutung ist.

Beeinflussen unbewusste stereotype Vorstellungen die Leistungen und die Teilnahme von Mädchen und Jungen an wissenschaftlichen Wettbewerben?

Im Fokus der Studie standen unter anderem folgende Forschungsfragen: Welchen Einfluss haben unbewusste stereotype Vorstellungen auf die Leistung von Teilnehmenden an der Chemie-Olympiade? Welche Rolle spielen Stereotype für die Bereitschaft der Teilnehmenden, an der nächsten Runde des Wettbewerbs oder im nächsten Jahr wieder am Wettbewerb teilzunehmen? Es wurde erwartet, dass sich die unbewussten Stereotype der Teilnehmenden negativ auf Leistungen und Teilnahme der Mädchen auswirken würden, während sie sich nicht oder sogar positiv auf Leistungen und Teilnahme der Jungen auswirken würden.

Für die Studie wurden Teilnehmende der ersten Auswahlrunde an der deutschen Chemie-Olympiade gebeten, einen Online-Fragebogen auszufüllen. Der Fragebogen wurde von 445 Teilnehmenden ausgefüllt. Das Durchschnittsalter war 16,5 Jahre und 51 % waren weiblich. Der Fragebogen enthielt – zur Erfassung der unbewussten Stereotype – einensowie weitere Fragen, unter anderem zu Interesse und Selbstkonzept der Teilnehmenden. Wie erwartet konnte gezeigt werden, dass unbewusste stereotype Vorstellungen die Teilnahme von Mädchen und jungen Frauen an der Chemie-Olympiade negativ vorhersagten. Die Teilnahme der männlichen Teilnehmer hingegen war nicht von stereotypen Vorstellungen betroffen. Die Leistungen bei der Chemie-Olympiade standen nicht in Zusammenhang mit unbewussten stereotypen Vorstellungen der Teilnehmenden.

Eigene Strukturen kritisch reflektieren

Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich den Zusammenhang von unbewussten stereotypen Vorstellungen mit der geringeren Teilnahme von Mädchen und jungen Frauen an naturwissenschaftlichen Wettbewerben wie der Chemie-Olympiade. Entsprechende Organisationen sollten daher nach Steegh et al. (2021) ihre Strukturen kritisch reflektieren, um aufzudecken, welche Strukturen dazu beitragen, dass sich weniger Mädchen angesprochen fühlen. Ziel sollte es sein, ein Programm zu schaffen, das für männliche und weibliche Teilnehmende gleichermaßen attraktiv ist. Auf diese Weise kann ein Wettbewerbsumfeld geschaffen werden, das das Potential hat, das Selbstkonzept und das Interesse aller Teilnehmer:innen zu steigern.

Was hat diese Studie mit Eurer und unserer Arbeit zu tun? Sie liefert wertvolles Wissen über den Einfluss von Geschlechterstereotypen. Dies kann dazu genutzt werden, um spezifische Programme und Werkzeuge zu entwickeln, die darauf abzielen, schädliche Geschlechterrollen abzubauen und wissenschaftliche Wettbewerbe in ein einladendes, inklusives und unterstützendes Umfeld zu verwandeln, in dem Mädchen in Zukunft problemlos wissenschaftliche Aktivitäten genießen können.

Veröffentlicht am 16.03.2022

Originalartikel vom 14.06.2020


Zusammenfassung

Wissenschaftler:innen haben untersucht, wie sich Geschlechterstereotype auf die Teilnahme und Leistungen von Mädchen bei naturwissenschaftlichen Wettbewerben auswirken. Die Ergebnisse zeigen, dass unbewusste stereotype Vorstellungen damit zusammenhängen, dass sich weniger Mädchen an naturwissenschaftlichen Wettbewerben wie der Chemie-Olympiade durchsetzen. Da die Teilnahme an naturwissenschaftlichen Wettbewerben oft auch ein Sprungbrett für künftige Karrieren im MINT-Bereich darstellt, sollten Programme ihre Strukturen kritisch reflektieren, um männliche und weibliche Teilnehmende gleichermaßen anzusprechen.