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Wie können Mädchen für Programmieren begeistert werden?

Ein Überblick zu konkreten Handlungsempfehlungen aus der Forschung im Bereich Informatik und Didaktik.

Aktuelle Zahlen zeigen, dass – trotz einiger positiver Tendenzen in den letzten Jahren – Mädchen und Frauen in MINT nach wie vor deutlich unterrepräsentiert sind. Als mögliche Ursachen werden in der Forschung neben individuellen Merkmalen wie niedrigerem Interesse oder niedrigerem Vertrauen in die eigenen MINT-Fähigkeiten vor allem Sozialisations- und Umwelteinflüsse durch Eltern, Lehrkräfte, Peers und Medien diskutiert. Ein wichtiger Aspekt der Umwelt, der das Interesse von Mädchen an den einzelnen MINT-Bereichen nachhaltig beeinflusst, ist die didaktische Gestaltung von MINT-Unterricht und MINT-Bildungsangeboten (Kampshoff & Wiepcke, 2020). Deshalb zeigen wir in diesem Beitrag am Beispiel der Informatik, welche didaktischen Maßnahmen besonders wirksam sind, um das Interesse von Mädchen an Informatik, Programmieren und Computer nachhaltig zu fördern. Der Artikel beruht auf der systematischen Übersichtsarbeit der Wissenschaftler:innen Lucia Happe, Barbora Buhnova, Anne Koziolek und Ingo Wagner, die 2021 erschienen ist.

Wirksame didaktische Maßnahmen um Mädchen für den Informatik-Bereich zu begeistern

In der Publikation „Effective measures to foster girls’ interest in secondary computer science education“ (Happe, Buhnova, Koziolek & Wagner, 2021) sind die wichtigsten Strategien für gendersensible Informatik-Bildung herausgearbeitet. Dabei wurden in einer Übersichtsarbeit die Ergebnisse von 11 Literaturreviews und somit von über 800 Einzelpublikationen in konkreten Handlungsempfehlungen zusammengefasst. In dem Meta-Review ist demnach das derzeit vorhandene Wissen über wirksame didaktische Maßnahmen zusammengefasst, um Mädchen für den Informatik-Bereich zu begeistern. Insgesamt identifizierten die Wissenschaftler:innen 22 konkrete Maßnahmen, die sie wiederum in sechs Gruppen gliederten. Ihr findet hier also eine umfassende und leicht zugängliche Übersicht über die in der Forschungsliteratur empfohlenen Maßnahmen.

Eines der wichtigsten Elemente, die zum Verbleib von Schülerinnen in der Informatik führen, ist das Interesse. Es regt den Lernprozess an und ist entscheidend für den Lernerfolg. Die im Rahmen des Meta-Reviews identifizierten didaktischen Empfehlungen sind deshalb nach sechs verschiedenen Phasen geordnet, in denen sich das Informatik-Interesse von Schülerinnen beständig weiterentwickelt. Die erste Gruppe von Maßnahmen zielt auf die Zeit vor dem ersten Kontakt mit dem Computer ab; falsche Stereotype sollen entkräftet werden, damit sich die Schülerinnen nicht von der Informatik abwenden, bevor sie sich tatsächlich mit dem Thema auseinandersetzen und es erleben können. Die zweite Gruppe von Maßnahmen weckt das Engagement der Schülerinnen für den Informatik-Bereich, während die dritte Gruppe Strategien umfasst, die einen geeigneten ersten Kontakt mit der Welt der Informatik ermöglichen und die es den Schülerinnen erlauben, erste positive Erfahrungen mit praktischen Übungen zu sammeln.

Die vierte Gruppe an didaktischen Maßnahmen zielt darauf ab, die Lernumgebungen für Mädchen so zu gestalten, dass möglichst wenig negative Erfahrungen entstehen, die dazu führen könnten, dass sich die Schülerinnen von der Informatik abwenden und ihr Interesse erlischt. Die fünfte Gruppe umfasst Strategien, die die Häufigkeit wiederholter positiver Erfahrungen mit Informatik und Computern erhöhen sollen, um das Interesse der Schülerinnen aufrechtzuerhalten. Auf diese Weise kann sich bei den Mädchen ein individuelles Interesse dafür entwickeln, eigene Begegnungen mit der Informatik zu suchen und ein tiefergehendes Vertrauen in die eigenen Informatik-Fähigkeiten aufzubauen. Die sechste Gruppe schließlich umfasst Maßnahmen, die darauf abzielen, dass die Schülerinnen ein langfristiges und nachhaltiges Interesse an Informatik, Computern und Programmieren entwickeln.

Konkrete Handlungsempfehlungen gegliedert in 6 thematische Gruppen

Gruppe 1 – Strategien, die falsche Stereotype bekämpfen

  • Nichtstereotype Rollenmodelle zur Verfügung stellen, beispielsweise durch Begegnungen mit Informatiker:innen, die nicht dem Klischee des/der exzentrischen Einzelgänger:in entsprechen, sondern die sich auch mit Freund:innen treffen und Hobbys wie Sport und Musik haben (vgl. auch Boston & Cimpian, 2018)
  • Die Arbeit in der Informatik als gemeinschaftsorientiert darstellen (dient nicht nur der eigenen Neugier und Anerkennung, sondern hilft vor allem anderen; vgl. auch Boston & Cimpian, 2018), um stereotype Vorstellungen darüber zu revidieren, was Informatiker:innen tun
  • Gelegenheiten bieten, Computeraktivitäten als Teil einer Gruppe durchzuführen, um stereotype Vorstellungen darüber zu ändern, wie Informatiker:innen arbeiten
  • Mädchen mit erfolgreichen weiblichen Informatik-Rollenmodellen bekannt machen, um sie gegen stereotype Vorstellungen zu immunisieren; wichtig ist dabei, dass die Rollenmodelle den Mädchen möglichst ähnlich sind, zum Beispiel hinsichtlich Hintergrund und Lebensgeschichte – dadurch können sich die Mädchen besser mit den Frauen identifizieren und es wird umso greifbarer, in der Informatik erfolgreich sein zu können (vgl. auch Boston & Cimpian, 2018)

Gruppe 2 – Strategien, die ein erstes Interesse entfachen

  • Den gesellschaftlichen Einfluss und den interdisziplinären Charakter der Informatik hervorheben, um ein Gefühl der Zugehörigkeit hervorzurufen und um die Relevanz des Themas und die Erfolgschancen in dem Bereich aufzuzeigen
  • Sichtbare Hinweise auf den Erfolg von Frauen in der Informatik einbeziehen, beispielsweise durch Porträts erfolgreicher Informatikerinnen

Gruppe 3 – Strategien, die einen geeigneten ersten Kontakt ermöglichen

  • Für Mädchen entwickelte digitale Spiel- und kreative Kunstaktivitäten, um einen geeigneten Einstieg in die Welt der Computer zu ermöglichen
  • Mit kontextbezogenen Offline-Aktivitäten beginnen, um Einstiegshürden möglichst niedrig zu halten
  • Programmierumgebungen mit einer visuellen Entwicklungsoberfläche, um Einführungen ins Programmieren ansprechender zu gestalten
  • Diskussionen und Reflexionen über die Aktivitäten einbeziehen, um das Lernen zu unterstützen

Gruppe 4 – Strategien, die die Lernumgebung für Mädchen weniger abschreckend machen

  • Bildungsangebote und Klassen nur für Mädchen, um den Schülerinnen mehr Aufmerksamkeit von den Lehrkräften und Anbieter:innen zu ermöglichen
  • Aufteilung von Bildungsangeboten und Klassen nach Erfahrung, um dem entgegenzuwirken, dass die Schüler:innen mit der meisten Erfahrung die meiste Zeit der Lehrkräfte und Anbieter:innen in Anspruch nehmen
  • Nichtkompetitive Lernumgebungen, um den Aufbau einer Klassenhierarchie zu vermeiden, die für Mädchen weniger geeignet ist
  • Kollaborative Aufgabenstellungen, um das Spektrum der erworbenen Fähigkeiten und Erfahrungen zu erweitern

Gruppe 5 – Strategien, die das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken

  • Niedrigschwellige Lerngelegenheiten für Mädchen anbieten, um Erfolgserlebnisse zu haben und Selbstvertrauen aufzubauen
  • Ein wachstumsorientiertes Mindset einführen, also die Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Anstrengung, Einsatz und Mühe sowie durch Strategien und Mentoring verbessert werden können
  • Eine positive und konstruktive Haltung gegenüber Misserfolgen als wertvollen Lerngelegenheiten einnehmen

Gruppe 6 – Strategien, die das langfristige Interesse aufrechterhalten

  • Eine geeignete Ausbildung von Informatik-Lehrkräften, um ihnen Tools und Ansätze zur besseren Einbindung von Mädchen zu vermitteln und um dadurch die Fähigkeiten der Lehrkräfte zu erhöhen, den Informatik-Ausstieg von Mädchen zu verhindern
  • Den Mädchen interessante praktische Erfahrungsmöglichkeiten anbieten, die auf Situationen aus der realen Welt basieren, da Mädchen insbesondere durch forschendes Lernen und durch die Möglichkeit motiviert werden, einen nachhaltigen Impact zu erzielen
  • Die gesellschaftlichen Auswirkungen und den interdisziplinären Charakter der Informatik besonders hervorheben, um das Gefühl der Zugehörigkeit zu steigern und um die Relevanz des Themas und die Erfolgschancen in dem Bereich stärker zu betonen
  • Das Durchführen von langfristigen, eigenen Projekten ermöglichen, um mehr Erfahrungen mit der eigenen Selbstwirksamkeit zu sammeln
  • Schülerinnen ermöglichen, dass sie Teil einer Gruppe und Teil der Informatik-Community sind, um langfristig das Zugehörigkeitsgefühl zum Informatik-Bereich aufrechtzuerhalten und zu erhöhen

Welche didaktischen Maßnahmen man als Minimum umsetzen sollte

Im Rahmen des Meta-Reviews von Happe und Kolleg:innen (2021) wurden außerdem sechs Maßnahmen identifiziert, die als Minimum empfohlen werden, um Informatik-Kurse zu gestalten, die alle Geschlechter gleichermaßen ansprechen. Denn die Literaturrecherche zeigte, dass Kurse und Bildungsangebote in der Forschungsliteratur als effektiv eingestuft wurden, wenn sie ähnliche Strategien und Maßnahmen verwendeten und mindestens die folgenden Aspekte beinhalteten.

  1. Forschungsbasierte und praxisnahe Lernaktivitäten einsetzen, um Schülerinnen für Informatik zu begeistern
  2. Frühzeitig so viele Facetten und interdisziplinäre Anwendungen der Informatik aufzeigen wie möglich, um Schülerinnen zu begeistern, die sich für diverse Fachrichtungen interessieren
  3. Aufteilung der Klassen im besten Fall nach Erfahrungslevel, zumindest aber nach Geschlecht oder Zugehörigkeit zur gleichen Interessengruppe
  4. Mehr Wert auf den Prozess des Denkens, Entwickelns und Problemlösens legen als auf das eigentliche Programmieren und Coden
  5. Visuelle Programmierumgebungen für Einführungen ins Programmieren verwenden
  6. Schülerinnen zu Veranstaltungen und Exkursionen mitnehmen und mit ihnen Geschichten und Rollenmodelle aus der Geschichte der Informatik teilen

Die Übersichtsarbeit von Happe und Kolleg:innen (2021) weist auf einige spannende Herausforderungen hin, vor denen die Informatik-Bildung steht, um mehr Mädchen und junge Frauen für Computer und das Programmieren zu begeistern und auch langfristig im Informatik-Bereich zu halten. Mädchen wählen beispielsweise nach wie vor seltener Informatik-Kurse, weil sie das Unterrichtsfeld als eher abschreckend gegenüber ihrer Art, sich selbst auszudrücken, und ihrer Art des Leistungsverständnisses wahrnehmen. Damit verbundene stereotype Bilder und Botschaften, die beständig an die Mädchen herangetragen werden, verringern ihr Gefühl der Zugehörigkeit zum Informatik-Bereich.

Wirksame Interventionsstrategien bestehen darin:

  1. den Mädchen ansprechende praktische Erfahrungen zu bieten
  2. die Informatik-Motivation zu erhöhen, indem der gesellschaftliche Impact der Arbeit von Informatiker:innen hervorgehoben wird
  3. den Mädchen Möglichkeiten zu bieten, mit ihren Stärken erfolgreich zu sein
  4. den Mädchen geeignete weibliche Rollenmodelle zur Verfügung zu stellen
  5. die Lehrkräfte und wichtige Schlüsselpersonen im Umfeld der Mädchen geeignet zu schulen, um nachhaltig ein größeres Interesse an Informatik und Technologie zu fördern

Um diese spannenden Herausforderungen zu meistern, ist es notwendig, dass Lehrkräfte und Pädagog:innen in der Informatik-Bildung durch geeignete berufliche Weiterbildungsprogramme unterstützt werden.

Details

Veröffentlicht am 16.03.2022

Originalartikel vom 16.11.2020


Zusammenfassung

Die Unterrepräsentation von Mädchen in MINT wird in der Forschung in Zusammenhang mit Sozialisations- und Umwelteinflüsse durch Eltern, Lehrkräfte, Peers und Medien diskutiert. Wie kann dem mit didaktischen Maßnahmen entgegen gewirkt werden um so mehr Mädchen für den Informatik-Bereich zu begeistern? Eine Übersicht von konkreten Handlungsempfehlungen und Strategien für gendersensible Informatik-Bildung.

Originalartikel

Effective measures to foster girls’ interest in secondary computer science education

PDF - Link

Originalartikel

Autor:innen

  • Lucia Happe

  • Barbora Buhnova

  • Anne Koziolek

  • Ingo Wagner